Was kommt nach der Drohung? Coachingbrief zur GFK von Anja Palitz & Olaf Hartke

Liebe
 
 
Thema: Was kommt nach der Drohung?

Zitat: „Leere Drohung, übler Brauch, wird des Feindes Hohn nur schärfen.
Kannst du keine Blitze werfen, Freund, so lass das Donnern auch!“
(Emanuel Geibel, deutscher Lyriker)

Beispiel: Auf einem Campingplatz, ein etwa 8-10-jähriger Junge spielt mit einer Wasserpistole herum und langweilt sich dabei; die Eltern sitzen im Klappstuhl und lesen. Einige Sätze gingen diesem Dialog bereits voraus:

„Nun sei nicht so quengelig, Du machst Papa gleich noch ganz ärgerlich.“
„Aber mir ist langweilig.“
„Dann geh zum Spielplatz.“
„Da ist aber kein anderer.“
„Dann spiel halt allein.“
„Aber allein ist mir langweilig.“
„Schluss jetzt, sei still, sonst setzt es was.“
Pause.
„Aber was kann ich denn machen?“
„Das haben wir doch eben alles schon aufgezählt, mach jetzt irgendwas, aber lass uns in Ruhe. Oder willst Du uns nur wieder ärgern? Ich sag Dir, nochmal so wie gestern - dann kannst Du aber was erleben.“
Pause.
„Was denn?“
„Was – was denn?“
„Was kann ich denn dann erleben?“
„Jetzt reicht‘s aber, wenn Du nicht sofort still bist, bleibst Du nächstes Mal zuhause.“
„Ich will aber nicht allein zuhause bleiben, ich will zu meinen Freunden.“
„Halt jetzt endlich den Mund. Oder geh spielen. Noch ein Wort und Du kriegst für eine Woche Stubenarrest.“
Stille vor dem Wohnwagen.
Die Eltern lesen weiter.
Der Junge geht weg.

Information: Drohungen sind das Versagen der Diplomatie, wusste schon Fürst Bismarck. Eltern (auch Vorgesetzte) greifen in Dialogen, in denen sie keine Lösung finden, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigen, manchmal zu Drohungen, um das Gespräch zu beenden und die eigenen Bedürfnisse damit zur Erfüllung zu bringen. Die Bedürfnisse der Anderen zählen dabei nicht mehr, im Gegenteil, es werden Zukunftsszenarien aufgezeigt, die beim Gegenüber weitere Bedürfnisse in die „Nichterfüllung“ bringen würden und man baut darauf, dass diese Vorstellungen genügend Sorge oder gar Angst beim Gegenüber erzeugen, dass dieser es vorzieht, sich zu beugen und einzulenken.

Hilflosigkeit ist eine häufige Ursache, wenn Drohungen angewendet werden. Man weiß nicht mehr, was man sonst noch tun kann, um die eigenen Anliegen erfüllt zu bekommen. Man könnte es auch mit einem inneren Notzustand vergleichen. Wichtige Bedürfnisse sind gerade nicht mehr ausreichend erfüllt. In dem Moment befindet man sich in einem Ausnahmezustand.

Macht über andere ist die Grundlage dafür, dass Drohungen wirksam sind; ohne die entsprechende Möglichkeit, das für das Gegenüber unerwünschte Zukunftsszenario im Ernstfall durchzusetzen, wird der Drohende schnell unglaubwürdig.

Zum „Sofort-Üben“: Was sind die Folgen, wenn Erwachsene in der Erziehung mit Drohungen arbeiten? Was lernen Kinder daraus? (Unsere Ideen dazu stehen am Ende der Mail.)

Wochenaufgabe: Erinnern Sie sich einmal an Ihre Vergangenheit. Wie haben Sie auf Drohungen reagiert? Mit Rebellion oder eher mit Unterwerfung? Welchen Preis haben Sie mit diesen Strategien gezahlt?

 

 

 

Unsere Ideen:

Die Folgen:

Damit Drohungen funktionieren, muss die Macht gegeben sein, sie umzusetzen. Sonst haben die Bedrohten nichts zu befürchten und lenken nicht ein. Erwachsene werden also in bestimmten Situationen immer wieder zeigen müssen, dass sie diese Macht noch haben, denn Kinder werden womöglich ausprobieren was passiert, wenn sie nicht folgen.

Vielleicht sind die ersten Machtdemonstrationen für das Kind eindrücklich genug und es gewöhnt sich schnell daran, den Anweisungen von machthabenden Menschen zu folgen. Man erzieht Kinder damit zum „Bravsein“. Das Kind lernt, eigene Wünsche zu unterdrücken oder zu verschieben. Es unterwirft sich gegenüber dem Mächtigeren.

Oder das Kind beginnt, sich der Strafe zu widersetzen und rebelliert. Es ist bereit, sich für seine Bedürfnisse einzusetzen und nimmt dafür in Kauf, dass Strafen folgen. Die Drohenden verstärken möglicherweise ihre Sanktionen – solange sie ausreichende Möglichkeiten haben – und die Beziehung zwischen den Beteiligten verändert sich deutlich.

 

Kinder lernen womöglich:

Wer Macht hat, kann seine Anliegen durchsetzen. Also ist Macht erstrebenswert.
Meine Bedürfnisse sind in manchen Situationen weniger wichtig, als die der Machthabenden.
Um meine Bedürfnisse zu erfüllen, muss ich mich gegenüber anderen Menschen und deren Bedürfnisse durchsetzen.
Um mich zu schützen, muss ich mich anpassen und unterwerfen.
Win-Win-Situationen gibt es scheinbar nicht bei hierarchischen Strukturen.
Bestimmte Verhaltensweisen zeigen Kinder nur, weil es sie vor der Ausübung der Drohung bewahren sollen und nicht weil man in Verbindung mit diesem Menschen ist und zu seinem Leben beitragen möchte oder weil das Verhalten an sich sinnvoll wäre und Bedürfnisse anderer erfüllen würde.