willst du Recht haben oder glücklich sein? GFK-coachingbrief von Anja Palitza & Olaf Hartke

Thema: Lohnt es, wegen 0,1 Prozent zu streiten?

Zitat: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ (Heinz von Foerster)
„Willst du Recht haben oder glücklich sein? Beides geht nicht.“ (Marshall B. Rosenberg)

Beispiel: Sybille sitzt mit Karsten im Büro des Chefs. Beide werden befragt, wie es dazu kommen konnte, dass die Maschine heiß gelaufen ist und der Motor nun ausgetauscht werden muss.

Sybille: „Ich gehe davon aus, dass Hans wieder nicht aufgepasst hat. Sonst wäre ja die Maschine nicht überlastet worden. Und…“

Karsten unterbricht Sybille: „Nein, das kannst Du nicht alles auf Hans abwälzen. Das siehst Du völlig einseitig. Ich denke, dass Gerd auch Schuld daran hat, da er Hans nicht ordnungsgemäß eingewiesen hat. Du weißt doch, dass Hans nur wenig Erfahrung mit dieser Maschine hat.“ Sybille: „Immer nimmst Du Hans in Schutz. Das ist wohl Dein persönlicher Liebling? Was soll das? Er ist jetzt ein Jahr bei uns. So langsam muss er sich auch mal in alle Abläufe eingearbeitet haben. Und ich weiß, dass Gerd ihm alles erklärt hat.“

Karsten jetzt ein wenig lauter als Sybille zuvor: „Ich habe überhaupt keinen Liebling hier! Ist das klar? Auf deine Einschätzung kann ich echt verzichten. Immer stellst Du alles anders dar, als es tatsächlich ist. Wenn Du Deine Ansichten auch bei den anderen so kundtust, dann brauche ich mich nicht zu wundern, warum ich von allen Mitarbeitern hier so schief angeguckt werde.“

Information: Menschliches Bewusstsein ist nicht in der Lage, die gesamte Realität zu erfassen. So nehmen wir laut Gotthardt Günther, dem Philosophen und Logik-Forscher aus der Unendlichkeit von Sinneswahrnehmungen nur ca. 0,1% bewusst wahr. 99,9% aller Verbindungsfasern unserer Gehirnzellen sind interne Rückkopplungsschleifen im Gehirn, die damit beschäftigt sind, die empfangenen Reize im Gehirn mit bereits vorhandenen, abgespeicherten Informationen abzugleichen und zu bewerten. Demnach wird mit Hilfe unserer Vorstellungskraft eine eigene Realität geformt und wir gehen im Alltag ganz selbstverständlich davon aus, dass dies die Realität an sich ist.

Die Gewaltfreie Kommunikation macht uns darauf aufmerksam, dass wir beständig interpretieren und bewerten. Dies ist ein normaler Ablauf in unserem Gehirn und evolutionsbiologisch sehr bedeutsam, da wir somit schnell Situationen auf mögliche Gefahren hin einschätzen konnten. Jedoch braucht es auch ein Bewusstsein über diese Vorgehensweise in unserem Gehirn, so dass wir unsere allgegenwärtigen Interpretationen nicht mit der Realität verwechseln und in der Folge unsere Verhaltensreaktion nicht abhängig machen von dieser einen sehr persönlichen Interpretation.

Zum „Sofort-Üben“: Welche tatsächlichen Beobachtungen sind in unserem Beispiel ausgesprochen wurden? (Unser Vorschlag steht am Ende der Mail.)

Wochenaufgabe: Überprüfen Sie diese Woche immer mal wieder Ihre Interpretationen. Könnte Ihr Einschätzung/Interpretation nicht auch eine andere sein? Und wenn ja, wie würde es sich auswirken? Würde es etwas verändern?

 

Unser Vorschlag: Die einzigen Beobachtungen, die in diesem Gespräch benannt wurden sind: Die Maschine ist heiß gelaufen. Der Motor ist defekt. Hans ist jetzt ein Jahr bei uns.

Der Rest des Dialoges sind Annahmen, Interpretationen, Unterstellungen, Eindrücke, Meinungen…

Und gleichzeitig der Auslöser des Streits.